OHNE AUFREGUNG AUFSTOCKEN

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(Frankfurter Rundschau 30.12.2000)

Architekten halten mit einem Briefing vor der Entwurfsphase die Kosten im Griff.
Wissen eigentlich die Kunden was sie wollen? Das ist die alles entscheidende und schwierige Frage, bevor mit dem Planungsprozess zum Traumhaus begonnen werden kann. Höchstens einmal in seinem Leben (vielleicht auch zweimal) kommt der Mensch in die Situation ein Haus oder Wohnung für sich zu bauen. Abweichend von seinem sonstigen Kaufverhalten kann er das Objekt weder sehen, noch berühren geschweige denn sich darin bewegen. Aber er hat hier die einmalige Chance das Produkt mitzugestalten: Eine wichtige Angelegenheit, wenn man bedenkt, welche Aufgabenvielfalt die eigenen "vier Wände" zu erfüllen haben, und wie unterschiedlich doch die Bedürfnisse des Menschen sind.

Individuelles Wohnkonzept
Der Mensch lebt von seiner Geburt an unter "Dach und Fach".

Er gestaltet sein Leben darin, und die Umgebung wiederum beeinflusst in hohem Maß sein Wohlempfinden. Meist ist es ihm noch nicht einmal bewusst, dass die Wohnerfahrungen gerade aus der Kindheit seine heutigen Vorlieben und Abneigungen prägen. Wo hat die Familie gerne zusammen gesessen? Ist es der große Tisch in der Mitte der Küche oder ein Platz am hellen Fenster? Das geht bis ins kleinste Detail hinein: Wie muss der Bodenbelag beschaffen sein, damit ich gerne darauf gehe? Glatt und kühl oder flauschig und warm? Bin ich ein Fan von loftartigen Räumen, wo die Nutzungen ineinander übergehen oder brauche ich mehrere kleine Räume, klar getrennt nach Funktionen?

Die Rolle der Architektin - Briefing
Hier ist die Fachfrau oder -mann gefordert. Behutsam und doch beharrlich hilft Frau Diefenbach die einzelnen Vorstellungen der Beteiligten, die sich durchaus auch widersprechen können, im Briefing (der Phase vor dem eigentlichen Entwurf) ans Licht zu bringen. Sie sortiert und ordnet, macht auf Besonderheiten aufmerksam. Sie visualisiert, wo dem Bauwilligen meist die Vorstellungskraft fehlt. Nachdem alle Informationen, dazu zählen selbstverständlich auch Kosten- und Zeitrahmen, Besonderheiten des Grundstücks und seine Bebaubarkeit, zur Verfügung stehen, kann die Bauaufgabe formuliert und danach die optimale Läsung entwickelt werden.

Beispiel aus der Praxis
Das folgende Beispiel soll den eben beschriebenen Weg verdeutlichen:
Ein Paar, beide Anfang dreißig, Familienplanung noch offen. Frau H. bewohnt die kleine Dachgeschosswohnung des Zweifamilienwohnhauses ihrer Eltern. Der Wunsch von Frau H. und ihrem Partner ist, nach Abriss des Dachgeschosses, eine ihren individuellen Bedürfnissen gerechte Eigentumswohnung im Obergeschoss zu bauen.

Gemeinsam mit dem Paar und zeitweise mit den Eltern erkundet und formuliert die Planerin Wünsche, Bedürfnisse und auch Sachzwänge. Dem Konflikt, ob das Dachgeschoss zu Wohnzwecken ausgebaut werden soll, begegnet man mit kontroversen Diskussionen. Alle Argumente werden gehört und bewertet.

Das Ergebnis aus dem Briefing ist: Da zur Zeit kein weiterer Raumbedarf besteht, wird das Dachgeschoss über der neuen Wohnung vorerst nicht ausgebaut. Der Kompromiss: Bauliche Vorkehrungen werden getroffen damit jederzeit ohne Aufwand ein Ausbau möglich ist. Zum Beispiel sind die Fenster im Giebel so ausgeführt, dass sie ohne großen Aufwand erweitert werden können. Leerrohre und Versorgungsleitungen liegen bereit.

Weitere verwirklichte Ziele aus dem Briefing sind: Es gibt keine dunklen, engen Flure. Die großzügige, helle Diele führt in die offene Küche mit Essplatz und Blick in den angrenzenden Wintergarten (spezieller Wunsch der Bauherrin), indem die beiden Berufstätigen die Abendsonne genießen können, so sie scheint.

Das Wohnzimmer kann durch öffnen einer doppelten Schiebetür um den Raum des Arbeitszimmers vergrößert werden, dieser Platz wird gebraucht, wenn das Paar zu geselligen Runden mit Freunden einlädt.

Wo später eventuell eine schöne Holztreppe in das Dachgeschoss führen wird, ist jetzt ein kleiner Abstellraum.

Nicht nur aus optischen Gründen findet man in der Wohnung keinen sichtbaren Heizkörper: Frau H. leidet unter diversen Allergien, deshalb kommt eine unter Putz verlegte Wandheizung zum Einsatz. Ein gesundes Raumklima ohne Staubaufwirbelung ist das Ergebnis.

Auch die von der Bauherrschaft eingebrachte Eigenleistung wird von der Frankfurter Architektin in den Bauablauf integriert und begleitet.

Durch das intensive Briefing im Vorfeld gibt es später in der Planungs- und Bauphase keine aufreibenden Diskussionen und keine Änderungen mehr. Auch der finanzielle Rahmen wird eingehalten. Schon nach knapp fünf Monaten zieht das Paar in seine Traumwohnung ein, die in allem ihren Vorstellungen entspricht.

Monika Diefenbach

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